Eurocode 8: Auslegung von Bauwerken gegen Erdbeben berechnen – Modul 1998

Das Modul berechnet nach DIN EN 1998-1 (Eurocode 8) die Lagerreaktionen, die sich bei Erdbebeneinwirkung auf Bauwerke und Apparate ergeben.

Modul 1998Regelwerk DIN EN 1998-1: 12-2010Lesedauer 7 minDE / EN

Aufgabenstellung und Berechnungsziel

Das Modul berechnet nach DIN EN 1998-1 (Eurocode 8) die Lagerreaktionen, die sich bei Erdbebeneinwirkung auf Bauwerke und Apparate ergeben. Grundlage ist das Antwortspektrenverfahren des Eurocode 8: Aus der Referenz-Bodenbeschleunigung des Standorts, der Baugrund- bzw. Untergrundklasse und der Bedeutungskategorie des Bauwerks wird das Bemessungsspektrum aufgestellt, aus dem die horizontale Ersatzkraft auf die Struktur folgt. Diese Ersatzkraft bestimmt die Reaktionskräfte an den Lagern und Verankerungen.

Im Apparate- und Anlagenbau ist der Erdbebennachweis für Behälter, Kolonnen und deren Abstützungen relevant: Die seismische Horizontalkraft erzeugt Querkräfte und Kippmomente, die von Standzargen, Tragpratzen, Sätteln und Fundamentschrauben aufgenommen werden müssen. Die Baugrund- und Untergrundklasse erfasst dabei die Verstärkung der Bodenbewegung durch weiche Bodenschichten, die Bedeutungskategorie erhöht die Einwirkung für Anlagen mit besonderem Gefährdungspotenzial.

Wer die Erdbebenlast nach Eurocode 8 berechnen will, erhält mit dem Modul die Lagerreaktionen als Eingangsgrößen für die weiteren Nachweise – etwa der Verankerung, der Standzarge oder der örtlichen Lasteinleitung in die Behälterschale. Für Standorte in Deutschland sind ergänzend die Festlegungen des Nationalen Anhangs (Erdbebenzonen, Spektralparameter) zu beachten.

Regelwerk und Berechnungsbasis: DIN EN 1998-1: 12-2010

So läuft die Berechnung ab

  1. Standortparameter bestimmen: Aus der Erdbebenzonenkarte ergibt sich die Referenz-Bodenbeschleunigung des Standorts; Baugrundklasse und Untergrundklasse beschreiben die geologischen Verhältnisse und legen den Bodenparameter sowie die Eckperioden des Spektrums fest.
  2. Bedeutungskategorie festlegen: Die Bedeutungskategorie des Bauwerks bestimmt den Bedeutungsbeiwert, mit dem die Bodenbeschleunigung skaliert wird – Anlagen mit erhöhtem Risiko für Menschen oder Umwelt erhalten höhere Beiwerte.
  3. Bemessungsspektrum aufstellen: Aus Bodenbeschleunigung, Bodenparameter und Verhaltensbeiwert q, der die Energiedissipation der Struktur erfasst, wird das Bemessungsspektrum der horizontalen Beschleunigung über der Eigenschwingzeit aufgestellt.
  4. Eigenperiode und Spektralwert ermitteln: Für die maßgebende Eigenschwingungsform der Struktur (z. B. Biegeschwingung einer Kolonne auf ihrer Abstützung) wird die Grundschwingzeit bestimmt und der zugehörige Spektralwert der Bemessungsbeschleunigung abgelesen.
  5. Ersatzkraft und Lagerreaktionen berechnen: Aus Spektralbeschleunigung und wirksamer Masse folgt die horizontale Gesamterdbebenkraft; ihre Verteilung über die Höhe liefert Querkraft und Kippmoment am Fuß und daraus die Reaktionskräfte an Lagern, Verankerungen und Fundamentschrauben.
Eingabegrößen24 / 88 Größen
GrößeSymbolEinheit
BaugrundklasseBau
UntergrundklasseUnt
BedeutungskategorienCat
UntergrundverhältnisUratio
Spektrale AntwortbeschleunigungSaP,Rm/s²
Schwingungsdauer eines linearen EinmassenschwingersTs
Bemessungs-Bodenbeschleunigung für Baugrundklasse Aagm/s²
Anfang des Bereichs konstanter SpektralbeschleunigungTAs
Untere Grenze des Bereichs konstanter SpektralbeschleunigungTBs
Obere Grenze des Bereichs konstanter SpektralbeschleunigungTCs
Wert, der den Beginn des Bereichs konstanter Verschiebungen des Spektrums definiertTDs
Dämpfungs-Korrekturbeiwert mit dem Referenzwert η= 1 für 5 % viskose Dämpfungη-
Viskoses Dämpfungsverhältnis des Bauwerksξ%
Bedingung für viskoses Dämpfungsverhältnis des Bauwerks Check \u03b7\u03b7
Referenz-Spitzenbodenbeschleunigung für Baugrundklasse AagRm/s²
Bedeutungsbeiwertγl-
Elastisches Beschleunigung-AntwortspektrumSa(T)m/s²
Bodenparameter nach Tabelle NA.3S-
Erdbeschleunigunggm/s²
Anzahl der Geschossen-
GesamtgewichtWkN
Korrekturfaktor: λ = 0,85 für T ≤ 2·TC ∧ n > 1, sonst ist λ = 1λ-
Höhenlage der Masse m1 über der Angriffsebene der Erdbebeneinwirkung z11.m
Höhenlage der Masse m2 über der Angriffsebene der Erdbebeneinwirkung z22.m

Berechnungsoptionen

Baugrundklasse

A – unverwitterte Festgesteine · B – mäßig verwitterte Festgesteine · C – stark bis völlig verwitterte Festgesteine

Untergrundklasse

R – Fels; Festgestein · T – Flache Sedimentbecken und Übergangszonen · S – Tiefe Sedimentbecken

Bedeutungskategorien

I – Bauwerke von geringer Bedeutung für die öffentliche Sicherheit · II – Gewöhnliche Bauwerke, die nicht unter die anderen Kategorien fallen · III – Bauwerke, deren Widerstand gegen Erdbeben wichtig ist · IV – Bauwerke, deren Unversehrtheit von höchster Wichtigkeit ist

Untergrundverhältnis

1 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9

Kontrollperiode

1 · 2 · 3 · 4 · 5

Verfahren für Eigenperiode

Hochbau · Ersatzstab · Müller / Keintzel

Gelöstes Beispiel

Für einen Apparat mit einer wirksamen schwingenden Masse von 50 t soll die horizontale Gesamterdbebenkraft nach dem vereinfachten Antwortspektrenverfahren der DIN EN 1998-1 abgeschätzt werden. Die Grundschwingzeit der Struktur liegt im Plateaubereich des Spektrums.

Gegebene Werte

Bemessungs-Bodenbeschleunigung ag = γI · agR0,8 m/s²
Bodenparameter S (Baugrundklasse B, Typ-1-Spektrum)1,2
Verhaltensbeiwert q1,5
Wirksame Masse m50 000 kg
Korrekturbeiwert λ1,0

Lösungsweg

1

Bemessungsspektralwert im Plateaubereich

Für TB ≤ T ≤ TC gilt nach DIN EN 1998-1:

Sd(T) = ag · S · 2,5 / q = 0,8 m/s² · 1,2 · 2,5 / 1,5 = 1,6 m/s²

Die untere Grenze β · ag = 0,2 · 0,8 m/s² = 0,16 m/s² wird mit Sd = 1,6 m/s² deutlich überschritten und ist damit nicht maßgebend.

2

Gesamterdbebenkraft (vereinfachtes Ersatzkraftverfahren)

Fb = Sd(T1) · m · λ = 1,6 m/s² · 50 000 kg · 1,0 = 80 000 N = 80 kN

Diese Horizontalkraft ist auf die Struktur zu verteilen; am Fuß ergeben sich daraus Querkraft und Kippmoment für den Nachweis der Lager und Verankerung.

Ergebnis

Bemessungsbeschleunigung Sd(T1)1,6 m/s²
Horizontale Gesamterdbebenkraft Fb80 kN

Alle Werte sind beispielhaft. Maßgeblich sind das jeweils gültige Regelwerk und die projektspezifischen Randbedingungen.

Häufige Fragen

Was unterscheidet Baugrundklasse und Untergrundklasse?

Im deutschen Anwendungsbereich beschreiben die Baugrundklassen die oberflächennahen Bodenschichten (Fels, mitteldichte bzw. locker gelagerte Böden), die Untergrundklassen den tieferen geologischen Aufbau. Die Kombination beider Klassen legt fest, wie stark der Boden die Erdbebenwellen verstärkt, und bestimmt damit Form und Höhe des anzusetzenden Antwortspektrums.

Welche Rolle spielt der Verhaltensbeiwert q bei Apparaten?

Der Verhaltensbeiwert reduziert die elastische Spektralbeschleunigung, weil duktile Strukturen Erdbebenenergie durch plastische Verformung abbauen. Behälter, Kolonnen und ihre Verankerungen sind meist wenig duktil, daher sind nur kleine q-Werte gerechtfertigt – ein zu hoch angesetzter Verhaltensbeiwert ist eine typische und gefährliche Fehlerquelle.

Muss der Behälterinhalt bei der Erdbebenmasse berücksichtigt werden?

Ja. Die schwingende Masse umfasst Eigengewicht, Einbauten, Isolierung und den im Bemessungsfall vorhandenen Inhalt. Bei Flüssigkeitsbehältern können zusätzlich hydrodynamische Effekte (mitschwingende und schwappende Flüssigkeitsanteile) relevant werden, die der spezielle Teil DIN EN 1998-4 für Silos, Tanks und Rohrleitungen behandelt.

Reicht der Nachweis nach DIN EN 1998-1 für Druckbehälter aus?

DIN EN 1998-1 liefert die Einwirkungen und Lagerreaktionen. Die Weiterleitung in den Behälter – Standzarge, Tragpratzen, Verankerung, örtliche Schalenbeanspruchung – ist anschließend mit den einschlägigen Regelwerken des Druckbehälterbaus nachzuweisen, etwa DIN EN 13445-3 Abschnitt 16 oder den AD 2000-Merkblättern der S-Reihe.

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