11 Rohre berechnen – Modul WA11

Das Modul WA11 berechnet nach Abschnitt 11 der DIN EN 12952-3 die erforderliche Wanddicke von Rohren und Rohrbögen in Wasserrohrkesseln — also von Verdampfer-, Überhitzer- und Economiser-Rohren sowie Verbindungsleitungen innerhalb des Kessels.

Modul WA11Regelwerk DIN EN 12952-3Lesedauer 6 minDE / EN

Aufgabenstellung und Berechnungsziel

Das Modul WA11 berechnet nach Abschnitt 11 der DIN EN 12952-3 die erforderliche Wanddicke von Rohren und Rohrbögen in Wasserrohrkesseln — also von Verdampfer-, Überhitzer- und Economiser-Rohren sowie Verbindungsleitungen innerhalb des Kessels. Grundlage ist die Mittelwertformel für dünnwandige Rohre unter Innendruck; für Rohrbögen wird zusätzlich die druckbedingte Ungleichverteilung der Beanspruchung zwischen Bogenaußenseite (Extrados) und Bogeninnenseite (Intrados) sowie die biegebedingte Wanddickenänderung berücksichtigt.

In der Praxis ist diese Rechnung Alltag bei der Auslegung und Nachrechnung von Kesselheizflächen: Wer die Rohrwanddicke nach EN 12952-3 berechnen will, benötigt Werkstoff, Festigkeitskennwert bei Berechnungstemperatur, Sicherheitsbeiwert und daraus die zulässige Spannung; hinzu kommen der Zuschlag für die Wanddickenunterschreitung des Rohres (Walztoleranz) und der Korrosions- bzw. Abnutzungszuschlag. Bei hohen Rohrwandtemperaturen im Überhitzerbereich wird die Zeitstandfestigkeit zum maßgebenden Kennwert.

Da Kesselrohre in großen Stückzahlen verbaut werden, wirkt sich jede Wanddickenoptimierung unmittelbar auf Gewicht, Kosten und Wärmeübergang aus — eine normgenaue Berechnung lohnt sich hier doppelt.

Regelwerk und Berechnungsbasis: DIN EN 12952-3: 2023-01

So läuft die Berechnung ab

  1. Werkstoff und zulässige Spannung bestimmen: Aus Werkstoff und Berechnungstemperatur wird der Festigkeitskennwert ermittelt (Warmstreckgrenze bzw. im Kriechbereich die Zeitstandfestigkeit) und durch den Sicherheitsbeiwert der Norm geteilt; das Ergebnis ist die zulässige Spannung f.
  2. Wanddicke des geraden Rohres berechnen: Mit Berechnungsdruck, Rohraußendurchmesser und zulässiger Spannung liefert die Mittelwertformel des Abschnitts 11 die erforderliche Wanddicke des geraden Rohres; für nahtlose Rohre entfällt eine Schweißnahtabminderung.
  3. Rohrbogen nachweisen: Für Bögen wird die Wanddicke an Intrados und Extrados gesondert nachgewiesen: Am Bogeninneren ist die Umfangsspannung erhöht, gleichzeitig staucht das Biegen die Wand dort auf; am Bogenäußeren wird die Wand ausgedünnt. Die Norm liefert hierfür radiusabhängige Beiwerte.
  4. Zuschläge addieren: Zur rechnerischen Wanddicke kommen der Zuschlag für die zulässige Wanddickenunterschreitung nach Rohrnorm (z. B. prozentuale Walztoleranz) und der Korrosions-/Abnutzungszuschlag; daraus ergibt sich die Mindestbestellwanddicke.
  5. Nennwanddicke wählen und dokumentieren: Aus der Mindestwanddicke wird die nächstliegende lieferbare Normwanddicke gewählt; die Ausnutzung wird für alle Lastfälle einschließlich Prüfdruck dokumentiert.
Eingabegrößen24 / 29 Größen
GrößeSymbolEinheit
TemperaturTZ
Berechnungsdruckpc
Werkstoff
Festigkeitskennwertk
Sicherheitsbeiwerts
Zulässige Spannungf
Zuschlag zur Berücksichtigung der Wanddickenunterschreitung Zylinderschalec1
Korrosions- und Abnutzungszuschlagc2
Bestellte Wanddickee
Erforderliche Wanddicke gerades Rohr mit Zuschlägenet
Äußerer Durchmesser ohne Zuschlägedo
Innerer Durchmesser ohne Zuschlägedi
Verschwächungsbeiwertv
Erforderliche Wanddicke Rohr ohne Zuschlägeect
Variable 22
Mindestwanddickee-c1
Vorhandene Dicke des Rohres an der StumpfschweißverbindungeW
Erforderliche Mindestwanddicke des Rohres an der StumpfschweißverbindungeWt
Axialkraft auf die Stumpfschweiß-Rundnaht aufgrund von Kräften, die zusätzlich zum Druck wirkenQ
Schweißnahtfaktor 1,0 für 100 % ZfP und 0,85 für 10 % ZfPvZfP
Variable 29
Erforderliche Wanddicke von Rohrbiegungen und Rohrbögen Innenseite mit Zuschlägeneti'
Erforderliche Wanddicke von Rohrbiegungen und Rohrbögen Außenseite mit Zuschlägeneto'
Erforderliche Wanddicke von Rohrbiegungen und Rohrbögen Innenseite ohne Zuschlägeneti

Gelöstes Beispiel

Für ein nahtloses, gerades Überhitzerrohr eines Wasserrohrkessels ist die erforderliche Wanddicke nach DIN EN 12952-3, Abschnitt 11, zu bestimmen. Die zulässige Spannung f ist aus Festigkeitskennwert und Sicherheitsbeiwert bereits gebildet.

Gegebene Werte

Berechnungsdruck pc8,0 MPa (80 bar)
Rohraußendurchmesser do38 mm
Zulässige Spannung f123 N/mm²
Ausführungnahtlos, gerades Rohr (v = 1)
Zuschlag Wanddickenunterschreitung c10,4 mm
Korrosions-/Abnutzungszuschlag c21,0 mm

Lösungsweg

1

Rechnerische Wanddicke des geraden Rohres

Mit der Mittelwertformel für Rohre unter Innendruck (auf den Außendurchmesser bezogen):

ect = pc · do / (2 · f · v + pc)

ect = 8,0 · 38 / (2 · 123 · 1 + 8,0) = 304 / 254 = 1,20 mm

2

Mindestwanddicke mit Zuschlägen

emin = ect + c1 + c2 = 1,20 + 0,4 + 1,0 = 2,60 mm

Gewählt wird die nächstliegende Normwanddicke 2,9 mm (Rohr 38 × 2,9).

Ergebnis

Rechnerische Wanddicke ect1,20 mm
Mindestwanddicke inkl. Zuschläge2,60 mm
Gewählte Wanddicke2,9 mm

Alle Werte sind beispielhaft. Maßgeblich sind das jeweils gültige Regelwerk und die projektspezifischen Randbedingungen.

Häufige Fragen

Warum ist beim Rohrbogen die Bogeninnenseite maßgebend, obwohl dort die Wand beim Biegen dicker wird?

Am Intrados ist die druckbedingte Umfangsspannung nach der Toruslösung höher als am geraden Rohr, weil auf kleinerem Umfang die gleiche Kraft übertragen werden muss. Die Aufstauchung beim Biegen kompensiert das teilweise, aber nicht zwingend vollständig — insbesondere bei engen Biegeradien. Deshalb verlangt die Norm den Nachweis an Intrados und Extrados getrennt: außen dünnt das Biegen die Wand aus (typisch maßgebend bei der Fertigungskontrolle), innen ist die rechnerisch erforderliche Wanddicke am größten.

Wann rechne ich mit der Zeitstandfestigkeit?

Sobald die Berechnungswandtemperatur des Rohres im Kriechbereich liegt — bei unlegierten und niedriglegierten Kesselstählen grob ab 400–480 °C, bei martensitischen 9-%-Chromstählen entsprechend höher. Maßgebend ist dann die auf die Auslegungslebensdauer (z. B. 200 000 h) bezogene Zeitstandfestigkeit mit dem zugehörigen Sicherheitsbeiwert. Bei Überhitzerrohren ist außerdem die Wandtemperatur, nicht die Dampftemperatur anzusetzen — sie liegt durch den Wärmestrom deutlich darüber.

Was ist der Unterschied zwischen dem Zuschlag für Wanddickenunterschreitung und dem Korrosionszuschlag?

Die Wanddickenunterschreitung deckt die zulässige Minustoleranz der Rohrherstellung ab (bei warmgewalzten Rohren oft prozentual, z. B. 12,5 %) — sie stellt sicher, dass auch das dünnste gelieferte Rohr die rechnerische Wanddicke erreicht. Der Korrosions-/Abnutzungszuschlag deckt den Materialverlust während der Betriebszeit ab (rauchgasseitige Korrosion, Erosion). Beide Zuschläge sind additiv und dürfen nicht gegeneinander verrechnet werden.

Gilt Abschnitt 11 auch für Fallrohre und unbeheizte Verbindungsleitungen?

Ja, die Formeln gelten für beheizte und unbeheizte Rohre des Kessels; der Unterschied liegt in der anzusetzenden Berechnungstemperatur und ggf. im Zuschlagskonzept. Für Rohrleitungen außerhalb des Kessel-Geltungsbereichs (Dampfleitungen zur Turbine) ist dagegen die EN 13480-3 anzuwenden.

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