Blasensieden reiner Stoffe: Formen von Heizwänden berechnen – Modul HAB3

Das Modul berechnet den Wärmeübergangskoeffizienten beim Blasensieden reiner Stoffe im freien Auftrieb (Behältersieden) und berücksichtigt dabei gezielt die Form der Heizwand: horizontales Rohr, ebene Platte oder horizontales Rohrbündel.

Modul HAB3Regelwerk VDI-Wärmeatlas, 12. Auflage 2019Lesedauer 6 minDE / EN

Aufgabenstellung und Berechnungsziel

Das Modul berechnet den Wärmeübergangskoeffizienten beim Blasensieden reiner Stoffe im freien Auftrieb (Behältersieden) und berücksichtigt dabei gezielt die Form der Heizwand: horizontales Rohr, ebene Platte oder horizontales Rohrbündel. Grundlage ist das Kapitel H2.3.5.1 des VDI-Wärmeatlas (12. Auflage 2019), das auf der Korrelationsmethode nach Gorenflo aufbaut: Der Wärmeübergangskoeffizient wird aus einem stoffspezifischen Referenzwert über den reduzierten Druck p* = p/pc und die Wärmestromdichte skaliert.

In der Praxis braucht man diese Berechnung bei der Auslegung von Verdampfern, Kettle-Reboilern, Tauchheizkörpern und beheizten Behältern, in denen eine Flüssigkeit an einer überhitzten Wand siedet, ohne dass eine erzwungene Strömung dominiert. Wer den Wärmeübergang beim Blasensieden berechnen will, erhält hier neben dem Wärmeübergangskoeffizienten auch die zur geforderten Wärmestromdichte gehörende Wandüberhitzung und damit die erforderliche Wandtemperatur.

Die Formkorrektur über die Überströmlänge (beim Rohr der Durchmesser, bei der Platte die Höhe) sowie optional der Einfluss der Stoffeigenschaften des Wandmaterials machen das Verfahren genauer als einfache Einheitskorrelationen und decken die im Apparatebau üblichen Heizflächengeometrien ab.

Regelwerk und Berechnungsbasis: VDI-Wärmeatlas, 12. Auflage 2019

So läuft die Berechnung ab

  1. Medium und Geometrie festlegen: Zunächst wird angegeben, ob es sich um Wasser handelt (für Wasser gelten eigene Druck- und Exponentenfunktionen), ob ein horizontales Rohrbündel vorliegt und ob der Einfluss der Stoffeigenschaften des Rohrmaterials auf den Wärmeübergangskoeffizienten berücksichtigt werden soll.
  2. Betriebspunkt bestimmen: Aus Siededruck und Siedetemperatur sowie dem kritischen Druck des Mediums wird der reduzierte Druck p* = p/p_c gebildet. Er ist die zentrale Ähnlichkeitsgröße der Gorenflo-Methode und bestimmt sowohl die Druckfunktion als auch den Wärmestromexponenten.
  3. Wärmestromdichte vorgeben: Die Wärmestromdichte q̇ ist die Belastungsgröße des Siedevorgangs. Über den druckabhängigen Wärmestromexponenten wird das Verhältnis q̇/q̇₀ zum Referenzzustand potenziert; bei hoher Belastung steigt der Wärmeübergangskoeffizient deutlich überproportional zur Wandüberhitzung.
  4. Formeinfluss der Heizwand korrigieren: Über die Überströmlänge (Rohr: Außendurchmesser, Platte: Höhe) wird der Einfluss der Heizwandform auf die Blasenbildung und den Abtransport des Dampfes erfasst. Abweichungen vom Referenzrohr werden als Korrekturfaktor auf den Wärmeübergangskoeffizienten aufgebracht.
  5. Wärmeübergangskoeffizient und Wandtemperatur auswerten: Aus Referenzwert, Druckfunktion, Wärmestromfunktion und Formkorrektur ergibt sich der Wärmeübergangskoeffizient. Daraus folgen das treibende Temperaturgefälle ΔT = q̇/α und die für die geforderte Leistung erforderliche Wandtemperatur.
Eingabegrößen24 / 44 Größen
GrößeSymbolEinheit
SiededruckpsPa
Siedetemperaturϑs°C
Dichteρ'kg/m³
Spezifische Wärmekapazitätcp'J/(kg·K)
Thermischer Ausdehnungskoeffizientβ'1/K
Wärmeleitfähigkeitλ'W/(m·K)
Dynamische Viskositätη'mPa·s
Kinematische Viskositätν'm²/s
Kritischer DruckpcPa
Wärmeübergangskoeffizient (Bezugswert)α0W/(m²·K)
Wärmestromdichte (Bezugswert)0W/m²
Rauigkeit der HeizflächeRa0m
Überströmlänge (Rohr: Durchmesser, Platte: Höhe)Lm
Rauigkeit (DIN 4762 von 01.89)Ram
Wandtemperaturϑw°C
Erdbeschleunigunggm/s²
WärmestromdichteW/m²
Wärmeübergangskoeffizientαe,KW/(m²·K)
Reduzierter Druck (p* = p / pc)p*-
HeizwandfaktorFw (9c)-
DruckfunktionF(p*) (7a,b)-
Wärmestromexponentn(p*) (6a,b)-
Wärmeübergangskoeffizientαe,BW/(m²·K)
Treibendes TemperaturgefälledTK (diff)

Berechnungsoptionen

Handelt es sich um Wasser?

Nein · Ja

Gelöstes Beispiel

An einem horizontalen Glattrohr mit Referenzrauheit siedet Wasser bei Atmosphärendruck (p = 1,013 bar, ϑs = 100 °C). Die Heizfläche wird mit einer Wärmestromdichte von q̇ = 100 kW/m² belastet. Gesucht sind der Wärmeübergangskoeffizient beim Blasensieden und die erforderliche Wandtemperatur.

Gegebene Werte

MediumWasser
Siededruck p1,013 bar
Siedetemperatur ϑs100 °C
Kritischer Druck pc220,64 bar
Wärmestromdichte q̇100 kW/m²
Referenzwert α0 (p* = 0,1; q̇0 = 20 kW/m²; Ra0 = 0,4 µm)5 600 W/(m²·K)

Lösungsweg

1

Reduzierten Druck bilden

p* = p / pc = 1,013 / 220,64 = 0,00459

2

Wärmestromexponent für Wasser

n = 0,9 − 0,3 · p*0,15 = 0,9 − 0,3 · 0,446 = 0,766

3

Wärmestromfunktion auswerten

Fq = (q̇ / q̇0)n = (100 / 20)0,766 = 50,766 = 3,43

4

Druckfunktion für Wasser auswerten

F(p*) = 1,73 · p*0,27 + (6,1 + 0,68/(1 − p*)) · p*²
= 1,73 · 0,234 + 6,78 · 2,1·10−5 = 0,4045 + 0,0001 = 0,405

5

Wärmeübergangskoeffizient und Wandtemperatur

α = α0 · F(p*) · Fq = 5 600 · 0,405 · 3,43 ≈ 7 770 W/(m²·K)

ΔT = q̇ / α = 100 000 / 7 770 ≈ 12,9 K → erforderliche Wandtemperatur ϑw ≈ 100 + 12,9 = 112,9 °C

Ergebnis

Wärmeübergangskoeffizient α≈ 7 770 W/(m²·K)
Treibendes Temperaturgefälle ΔT≈ 12,9 K
Erforderliche Wandtemperatur ϑw≈ 112,9 °C

Alle Werte sind beispielhaft. Maßgeblich sind das jeweils gültige Regelwerk und die projektspezifischen Randbedingungen.

Häufige Fragen

Worin unterscheidet sich Behältersieden (Pool Boiling) vom Strömungssieden?

Beim Behältersieden ruht die Flüssigkeit im Apparat; die Bewegung entsteht nur durch Auftrieb der Dampfblasen und freie Konvektion. Beim Strömungssieden wird das Fluid mit nennenswerter Massenstromdichte durch das Rohr gefördert, sodass sich konvektiver Anteil und Blasensiedeanteil überlagern. Für durchströmte Verdampferrohre sind die Module der Reihe H3.5 zuständig, dieses Modul gilt für siedende Flüssigkeit an umströmten Heizwänden im Behälter.

Warum wird mit dem reduzierten Druck p* gerechnet statt mit dem Absolutdruck?

Der Wärmeübergang beim Blasensieden hängt stark vom thermodynamischen Zustand relativ zum kritischen Punkt ab: Mit steigendem p* wachsen Blasenkeimdichte und Wärmeübergang, während die Verdampfungsenthalpie sinkt. Durch die Normierung p* = p/p_c lassen sich sehr unterschiedliche Stoffe mit einer gemeinsamen Druckfunktion beschreiben; nur der Referenzwert des Wärmeübergangskoeffizienten bleibt stoffspezifisch.

Bis zu welcher Wärmestromdichte gilt die Berechnung?

Die Korrelation gilt nur im Bereich des stabilen Blasensiedens, also unterhalb der kritischen Wärmestromdichte q̇_crit. Wird diese überschritten, schlägt der Mechanismus in Filmsieden um, der Wärmeübergangskoeffizient bricht ein und die Wandtemperatur springt stark nach oben (Burnout-Gefahr). Die kritische Wärmestromdichte wird separat nach Kapitel H2.5.1 berechnet und sollte bei der Auslegung mit ausreichendem Abstand eingehalten werden.

Welche Rolle spielen Oberflächenrauheit und Wandmaterial?

Die Blasenbildung startet an Keimstellen der Oberfläche; rauere Heizflächen liefern deshalb höhere Wärmeübergangskoeffizienten als polierte. Die Referenzwerte des VDI-Wärmeatlas gelten für eine definierte Referenzrauheit. Zusätzlich beeinflusst das Wärmeeindringvermögen des Wandmaterials die lokale Wandtemperaturschwankung unter den Blasen; dieser Materialeinfluss kann im Modul optional berücksichtigt werden.

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