Aufgabenstellung und Berechnungsziel
Ebene Flansche mit Metall-auf-Metall-Kontakt außerhalb des Lochkreises verhalten sich grundlegend anders als klassische Flanschverbindungen mit innenliegender Dichtung: Der Kontaktring außerhalb der Schrauben wirkt als Hebelauflager, sodass die Schraubenkraft im Betrieb über die reine hydrostatische Endkraft hinaus ansteigt (Prying-Effekt). Dieses Modul berechnet solche Verbindungen nach ASME BPVC Section VIII Division 1, Mandatory Appendix Y – dem einzigen Regelwerksteil, der dieses Kontaktverhalten explizit erfasst.
Das Verfahren nach Appendix Y ermittelt aus Geometrie (Lochkreisdurchmesser, Schraubenzahl, Kern- und Lochdurchmesser, Ansatzabmessungen, Flanschdicken t bzw. tI/tII), Dichtungsdaten (Setzdruck, Selbstdichtkraft, theoretische Sitzweite nach Table 2-5.1/2) und Belastung die tatsächliche Schraubenbetriebsspannung sowie die Längsspannung im Ansatz, die radiale und die tangentiale Flanschspannung. Unterschieden werden identische und nicht identische Flanschpaare sowie die Klassen 1 bis 3 (Vollflansch, Losflansch mit/ohne Ansatz, Kombinationen).
In der Praxis braucht man Appendix Y berechnen typischerweise für Verbindungen mit O-Ring- oder selbstdichtenden Dichtungen, bei denen die Flanschblätter außerhalb des Lochkreises aufeinanderliegen – etwa bei Hochdruckdeckeln, Kompaktflanschen oder Apparatedeckeln, bei denen eine Berechnung nach Appendix 2 die reale Schraubenmehrbelastung unterschätzen würde.
Regelwerk und Berechnungsbasis: ASME Appendix Y, 2023 Edition
So läuft die Berechnung ab
- Geometrie und Flanschkategorie festlegen: Zunächst werden Flanschtyp und Kategorie gewählt: Vollflansch mit konischem Ansatz (Fig. 2-4 Sketch 6, 6a, 6b), Vollflansch mit Rohr als Ansatz oder Losflansch, sowie identisches oder nicht identisches Flanschpaar (Class 1 bis 3). Dazu kommen Innendurchmesser mit Zuschlägen, Ansatzdicken rohr- und flanschseitig, axiale Ansatzlänge und die Flanschdicken t bzw. tI und tII.
- Schrauben- und Dichtungsdaten erfassen: Lochkreisdurchmesser, Anzahl der Schrauben, Kerndurchmesser und Kernquerschnittsfläche Ab sowie Schraubenlochdurchmesser bestimmen die verfügbare Schraubenkapazität. Für die Dichtung werden Außen- und Innendurchmesser, die theoretische Sitzweite nach Table 2-5.1/2, der Setzdruck y und die Selbstdichtkraft erfasst; ein eingelegter Distanzring geht mit seiner Dicke in die Verformungsrechnung ein.
- Elastische Interaktionsrechnung nach Appendix Y: Appendix Y löst die Verträglichkeitsbedingung zwischen Flanschrotation, Schraubendehnung und Kontaktkraft am Metallkontakt außerhalb des Lochkreises. Daraus ergeben sich die Kontaktkraft HC am Hebelauflager und die tatsächliche Schraubenkraft im Betriebszustand – diese liegt wegen des Prying-Effekts über der reinen Druckendkraft.
- Spannungen berechnen: Aus den Kräften und Momenten werden die Längsspannung im Ansatz, die radiale Flanschspannung (auch am Lochkreis, unter Abzug der Schraubenlöcher) und die tangentiale Flanschspannung ermittelt; ebenso die Schrauben-Betriebsspannung und die erforderliche Vorspannung für den Einbauzustand.
- Nachweis gegen die zulässigen Werte: Die Spannungen werden gegen die zulässigen Werte Sf bzw. Sfa = 1,5·Sf (bei abweichendem Material für Ansatz/Rohr) und die Schraubenspannungen gegen Sb bzw. Sa geprüft. Für Gusseisen gelten reduzierte Grenzen. Alle Nachweise müssen sowohl im Einbau- als auch im Betriebszustand erfüllt sein.
Eingabegrößen
| Größe | Symbol | Einheit |
|---|---|---|
| Klasse 1, 2, 3 | 3=BII < C/2) Class (1-3) | - |
| 3=Losflansch-Typ ohne Ansatz) | Ca (1-3) | - |
| Lastfall (1=Betrieb, 2=Prüfung, ≥3 Sonderfall) | lc | – |
| Werkstoff Flansch (I) *) | I | – |
| Temperatur | T | °C |
| Berechnungsdruck | p0 | MPa |
| Dicke | 2,3 | mm |
| Kennwert | Prüftemperatur | MPa |
| Kennwert | Betrieb | MPa |
| Sich.fak. | Prüfung | - |
| Sich.faktor | Betrieb | - |
| Zuschlag c1 | (I) | mm |
| Korr.Zus.c2 | (I) | mm |
| Auß.durchm. | Flansch-Außendurchmesser | mm |
| Innendurchmesser Flansch mit Zuschlägen | B+ | mm |
| theoretische Sitzweite nach Tabelle 2-5.1&2 | b0 | mm |
| Schrauben-Lochkreisdurchmesser | C | mm |
| Schraubenlochdurchmesser | D | mm |
| Auß.durchm. | Schrauben-Nenndurchmesser | mm |
| E-Modul | I | MPa |
| E-Modul | II | MPa |
| Ansatzlänge axial (Kategorie 1-2) | h | mm |
| Radialer Abstand für Flansch-Kontakt | (0 ≤ hC ≤ hCmax = ) hC | mm |
| max. Abstand der Kontaktkraft zum Schraubenkreis | hCmax | mm |
Berechnungsergebnisse
| Größe | Symbol | Einheit |
|---|---|---|
| Kernquerschnitt aller Schrauben | Ab | mm² |
| Schraubenloch-Aspektzahl = n*D/(Pi*C) | AR | - |
| Formfaktor = (A+C)/2B1 | a | - |
| mittlerer Ansatzdurchmesser (korrigiert) | B1 | mm |
| Effektive Sitzweite der Dichtung = 2.5*√b0 | b | mm |
| Faktor C1 | C1 C2 C3 | - |
| Faktor C2 | C1 C2 C3 | Nmm |
| Faktor C3 | C1 C2 C3 | - |
| Faktor C4 | C4 X | Nmm |
| Faktor d | d e L | mm³ |
| EI*=EI*tI^3= Faktor | EI* = EI*tI3 EII* = EII*tII3 | Nmm |
| EII*=EII*tII^3= Faktor | EI* = EI*tI3 EII* = EII*tII3 | Nmm |
| =F/h0 oder FL/h0=Faktor | d e L | 1/mm |
| Faktor für Vollflansche nach Fig. 2-7.2 | F V FL VL | - |
| Faktor für Losflansch-Typ nach Fig. 2-7.4 | F V FL VL | - |
| Faktor F' für Klasse 1 Gl..(5) oder FI' Kl. 3 Gl.(6) | F' | mm³ |
| Korrekturfaktor > 1 für Ansatzspannung | g1/g0 h/h0 f Max[1; ] | - |
| Durchmesser Dichtungskraft nach App.2 Tabelle 2-5.2 | G | mm |
| Ansatzdicke schalenseitig (dünnes Ende, ohne Zuschlag) | g0 | mm |
| Ansatzdicke flanschseitig (dickes Ende, ohne Zuschlag) | g1 | mm |
| Hydrost. Kräfte | H HD HT | N |
| Kontaktkraft zwischen den Flanschen bei hC | HC | N |
| Hydrost. Kräfte | H HD HT | N |
| Dichtungs Setzkraft+Selbstdichtkraft= Pi*b*G*Pgs + Fss | HG | N |
Häufige Fragen
Worin unterscheidet sich Appendix Y von der klassischen Flanschberechnung nach Appendix 2?
Appendix 2 setzt voraus, dass die Flanschblätter nur über die Dichtung Kraft übertragen und sich frei verdrehen können. Bei Metall-auf-Metall-Kontakt außerhalb des Lochkreises entsteht dagegen ein zusätzliches Auflager: Der Flansch stützt sich am Außenrand ab, und die Schraube muss neben der Druckendkraft auch die Hebelkraft (Prying) tragen. Appendix Y bildet diese elastische Interaktion ab; eine Rechnung nach Appendix 2 wäre für solche Verbindungen nicht konservativ bezüglich der Schraubenbeanspruchung.
Für welche Dichtungen gilt das Verfahren?
Appendix Y ist für Verbindungen gedacht, bei denen die Dichtung den Kontakt der Flanschblätter nicht verhindert – typischerweise O-Ringe, Metall-O-Ringe oder andere selbstdichtende Dichtungen in einer Nut innerhalb des Lochkreises. Die Dichtungs-Selbstdichtkraft und der Setzdruck gehen als eigene Eingaben ein. Eine flachliegende Weichstoffdichtung über die volle Blattbreite fällt nicht unter Appendix Y, sondern je nach Ausführung unter Appendix 2.
Was bedeuten die Klassen 1 bis 3 in Appendix Y?
Class 1 bezeichnet ein Paar identischer Flansche, Class 2 und 3 Kombinationen nicht identischer Flansche bzw. Flansch gegen ebene Platte/Deckel. Da sich bei nicht identischen Paarungen die Rotationssteifigkeiten unterscheiden, teilen sich Kontaktkraft und Moment anders auf; das Modul führt die Interaktionsrechnung deshalb für beide Partner gemeinsam.
Warum steigt die Schraubenkraft im Betrieb über die Vorspannkraft hinaus an?
Beim Kontakt außerhalb des Lochkreises wirkt der Kontaktring als Drehpunkt eines Hebels: Der Innendruck drückt die Flanschmitte auf, der Flansch kippt um den Kontaktring, und die Schraube liegt zwischen Last und Auflager. Die resultierende Zusatzkraft (Prying-Kraft) addiert sich zur hydrostatischen Endkraft. Genau deshalb müssen Schraubenbetriebsspannung und Vorspannung nach Appendix Y getrennt nachgewiesen werden.