Aufgabenstellung und Berechnungsziel
Das Modul TSIP erstellt die Hydraulikbilanz für Kesselverdampfer (Kettle Reboiler) an Destillationskolonnen. Ein Kesselverdampfer arbeitet ohne Pumpe: Die Flüssigkeit strömt allein durch die Schwerkraft aus dem Kolonnensumpf über die Zulaufleitung in den Verdampfer, der erzeugte Dampf kehrt über die Dampfleitung in die Kolonne zurück, und ein Überlaufwehr im Verdampfer hält das Rohrbündel bedeckt. Damit dieser Naturumlauf funktioniert, muss die verfügbare statische Höhe zwischen Kolonnensumpf und Verdampfer die Summe aller Druckverluste in Zulauf- und Dampfleitung übersteigen – genau das prüft die Hydraulikbilanz.
Das Modul erfasst beide Leitungswege im Detail: für die Flüssigkeitsleitung Austrittsstutzen der Kolonne, Eintrittsstutzen des Tauschers, Rohrbögen, T-Stücke und Ventile als Widerstandsbeiwerte sowie Rohrdurchmesser und Rohrrauhigkeit; für die Dampfleitung entsprechend Dampfaustrittsstutzen des Tauschers, Dampfeintrittsstutzen der Kolonne und die Armaturen. Mit den Stoffwerten (mittlere Dichte und dynamische Viskosität von Flüssigkeit und Dampf) und den Massenströmen (Zulauf, Dampfmenge, Austritt am Tauscherboden) berechnet es Geschwindigkeiten, Reynolds-Zahlen, Reibungsfaktoren und die Druck- bzw. Höhenverluste je Meter Leitung.
Ergebnis ist der Vergleich von Höhengewinn (verfügbare geodätische Höhendifferenz) und der Summe aller Höhenverluste. Die Bilanz entscheidet über die Aufstellungshöhe der Kolonne, die Leitungsdurchmesser und letztlich darüber, ob der Verdampfer die geforderte Dampfmenge ohne Zirkulationsprobleme liefert.

So läuft die Berechnung ab
- Leitungsführung und Widerstände erfassen: Für die Flüssigkeitsleitung vom Kolonnensumpf zum Verdampfer und die Dampfleitung zurück zur Kolonne werden alle Einzelwiderstände zusammengestellt: Ein- und Austrittsstutzen, Rohrbögen und T-Stücke sowie Ventile; das Modul bildet daraus je Leitung die Summe der Widerstandsbeiwerte.
- Massenströme und Stoffwerte festlegen: Eintrittsmassenstrom in den Verdampfer, erzeugte Dampfmenge und Austrittsmassenstrom am Tauscherboden werden bilanziert; als Stoffwerte gehen mittlere Dichte und dynamische Viskosität der Flüssigkeit und des Dampfes am Betriebspunkt ein.
- Druckverlust der Flüssigkeitsleitung berechnen: Aus Rohrleitungsdurchmesser, Rohrrauhigkeit und Volumenstrom ergeben sich Strömungsgeschwindigkeit und Reynolds-Zahl; daraus werden Reibungsfaktor, äquivalenter Widerstandsbeiwert und der Druckverlust pro Meter bestimmt und in Meter Flüssigkeitssäule (Verlustwert 1) umgerechnet.
- Druckverlust der Dampfleitung berechnen: Analog werden für die Dampfleitung Geschwindigkeit, Reynolds-Zahl, Reibungsfaktor und Druckverlust pro Meter ermittelt und ebenfalls als Höhenverlust in Meter Flüssigkeitssäule (Verlustwert 2) ausgedrückt, damit beide Leitungen in einer Bilanz vergleichbar sind.
- Höhenbilanz aufstellen: Die geometrischen Höhen – Abstand Rohrleitungstiefpunkt zur Oberkante des Bündels und Abstand Eintrittsstutzen der Kolonne zur Tangente des Kolonnenbodens – liefern den verfügbaren Höhengewinn. Diesem werden die Reibungshöhenverluste beider Leitungen und die vorgegebenen Höhenverluste gegenübergestellt.
- Ergebnis bewerten: Ist der Höhengewinn größer als die Summe der Verluste, funktioniert der Naturumlauf mit Reserve. Andernfalls sind größere Leitungsdurchmesser, weniger Armaturen, eine höhere Kolonnenaufstellung oder ein geändertes Wehr im Verdampfer erforderlich.
Eingabegrößen
| Größe | Symbol | Einheit |
|---|---|---|
| Abstand Kolonnenmitte - Eintrittsstutzen Tauscher | S1 | m |
| Abstand Dampfeintrittsstutzen - Flüssigkeitsoberfläche | S3 | m |
| Höhe Flüssigkeitssäule in der Kolonne | S4 | m |
| Abstand Dampfaustrittsstutzen - Dampfeintrittsstutzen | S7 | m |
| Kesseldurchmesser | DK | m |
| Bündeldurchmesser | DB | m |
| Flüssigkeitsaustrittsstutzen Kolonne | WKA | - |
| Flüssigkeitseintrittsstutzen Tauscher | WTE | - |
| Rohrbögen und T-Stücke | WB1 | - |
| Ventile | WV1 | - |
| Summe der Widerstandsbeiwerte | W1 | - |
| Dampfeintrittsstutzen Kolonne | WKE | - |
| Dampfaustrittsstutzen Tauscher | WTA | - |
| Rohrbögen und T-Stücke | WB2 | - |
| Ventile | WV2 | - |
| Summe der Widerstandsbeiwerte | W2 | - |
| Dynamische Viskosität Dampf | ηD | kg/(m·s) |
| Dynamische Viskosität Flüssigkeit | ηF | kg/(m·s) |
| Mittlere Dampfdichte | ρD | kg/m³ |
| Mittlere Dichte Flüssigkeit | ρF | kg/m³ |
| Austrittsmassenstrom am Tauscherboden | mausB | kg/s |
| Dampfmenge | mD | kg/s |
| Eintrittsmassenstrom Tauscher | mgesT | kg/s |
| Rohrleitungsdurchmesser | d1 | mm |
Häufige Fragen
Worin unterscheidet sich der Kesselverdampfer hydraulisch vom Thermosiphon-Verdampfer?
Beim Kettle Reboiler verdampft die Flüssigkeit in einem großen Mantelraum über dem Bündel; das Umlaufverhältnis ist unkritisch, weil das Überlaufwehr den Flüssigkeitsstand sichert und Dampf und Flüssigkeit im Apparat getrennt werden. Die Hydraulik reduziert sich auf die einphasigen Zulauf- und Dampfleitungen. Beim Thermosiphon dagegen liegt Zweiphasenströmung im Steigrohr vor, und die Umlaufmenge stellt sich selbst ein – die Berechnung ist dort deutlich komplexer und empfindlicher.
Warum werden die Druckverluste in Meter Flüssigkeitssäule umgerechnet?
Weil die treibende Kraft des Naturumlaufs eine geodätische Höhendifferenz ist, lassen sich Antrieb und Verluste am einfachsten in derselben Einheit vergleichen: Ein Druckverlust Δp entspricht der Höhe Δp/(ρ·g) der Sumpfflüssigkeit. Die Bilanz "Höhengewinn minus Summe der Höhenverluste" zeigt dann unmittelbar die verbleibende hydraulische Reserve.
Welche Rolle spielt die Dampfleitung, obwohl der Dampf so leicht ist?
Eine große: Wegen der geringen Dampfdichte sind die Volumenströme hoch, und schon moderate Druckverluste in der Dampfleitung entsprechen – umgerechnet in Flüssigkeitssäule – erheblichen Höhenverlusten. Zudem erhöht ein Druckverlust in der Dampfleitung den Druck und damit die Siedetemperatur im Verdampfer, was die wirksame Temperaturdifferenz zum Heizmedium verkleinert. Kurze, großzügig dimensionierte Dampfleitungen ohne unnötige Armaturen sind daher entscheidend.
Was sind typische Fehlerquellen bei der Hydraulikbilanz?
Häufig unterschätzt werden die Einzelwiderstände (jeder Bogen, jedes T-Stück, jedes Ventil zählt), das Aufkochen bzw. Ausgasen in der Zulaufleitung bei zu geringer Unterkühlung sowie Betriebsfälle abseits des Auslegungspunkts (An- und Abfahren, Teillast mit veränderten Dichten). Auch die Bezugshöhen müssen sauber definiert sein – Rohrleitungstiefpunkt, Oberkante Bündel und Stutzenlagen dürfen nicht aus unterschiedlichen Zeichnungsständen stammen.